ÖKO-TEST November 2002

ÖKO-TEST November 2002
Test: Öko-Spenden

Zwischen Biotop und Sumpf

Rund 50 Millionen Euro spenden die Deutschen jedes Jahr an ihre Natur- und Umweltschutzorganisationen. Noch mal etwa die gleiche Summe fließt aus Mitgliedsbeiträgen in die Öko-Kassen. Doch nicht jeder Euro kommt der Umwelt zu Gute, viel Geld versickert im Spendensumpf.

     

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©2003 by ÖKO-TEST Verlag GmbH, Frankfurt


     

"Alles ist Politik, auch die Buchhaltung", lässt uns Christine Zechner vom Verkehrsclub Deutschland (VCD) wissen. Deshalb gäbe es Informationen darüber, was der VCD mit seinen Spenden macht, erst, wenn ÖKO-TEST genau darlegt, was denn wie bewertet wird. "Das hätte ich etwas diplomatischer formuliert," nimmt Daniel Kluge, offizieller Berliner Pressesprecher des VCD seine Bonner Sprecherin aus der Schusslinie. Letztlich muss aber auch er passen: "Leider haben wir keine Jahresabschlüsse. Weder für 2000 noch für das Jahr 2001."

Nichts Genaues weiß man also beim VCD nicht - immerhin der ökologisch ausgerichtete (Verkehrs-)Umweltverband mit über 60 000 Mitgliedern. Beim Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND), mit mehr als 360000 Mitgliedern und Förderern Deutschlands größter Naturschutzverein, und beim zweitgrößten Verband Naturschutzbund Deutschland (NABU) hat man immerhin nur partiell keinen Überblick. Millionenschwere Anteile der Mitgliedsbeiträge werden an Landesverbände und von denen wieder an örtliche Untergliederungen weitergeleitet. Und was machen die damit? "Das können wir nicht wissen, es wird völlig unterschiedlich gehandhabt. Die Landesverbände und die Ortsgruppen regeln das selbst", berichtet BUND-Geschäftsführer Matthias Enge. So ist also auch für Spender oder Mitglieder dieser Organisationen schwer nachzuvollziehen, wohin welches Geld fließt und wie es letztlich verwendet wird.

Dagegen sind Greenpeace oder der World Wildlife Fund (WWF) streng zentral organisiert und haben (fast) keine Mitglieder, sondern lediglich Spender. Der Vorteil: Die Mittelverwendung ist klar nachvollziehbar. "Gehälter und Grundkosten werden ausschließlich aus Lizenzerlösen gezahlt. Spenden für Kampagnen und Projekte wandern dagegen direkt an die entsprechende Aktion", stellt Olaf Boumann, Fundraiser (Spendensammler) des WWF, klar. Gerhard Wallmeyer von Greenpeace, Altvater der deutschen Fundraiser, erklärt zudem: "Erstens nehmen wir prinzipiell keine Gelder von der Industrie und zweitens keine zweckgebundenen Spenden, weil mit solchem Geld Einfluss auf unsere Politik genommen werden kann."

 

Dass Ethik beim Spendenwerben nicht überflüssig ist, zeigen die modernen Methoden, mit denen inzwischen allenthalben gearbeitet wird. Dazu gehören zum Beispiel Spendenaufrufe, die als Direktmailings per Post verschickt werden. So will der BUND auf dem Gebiet der ehemaligen DDR-Grenzanlagen ein "grünes Band" entstehen lassen und dafür Flächen aufkaufen und Biotope schützen. Immerhin 390 000 Mark erbrachte das Mailing für Flächenkauf im Jahr 2000. Davon flossen aber lediglich schlappe 45 000 Mark in den Kauf von Flächen. Kein Wunder, kostete doch das Mailing selbst schon 350 000 Mark.

Haben die Spender also nur den Bettelbrief an sie selbst bezahlt? Diese Betrachtung liegt auf der Hand, sie wäre aber nicht ganz fair. Denn die Kampagne für ein "Grünes Band" läuft über mehrere Jahre. Bleibt ein Spender über Jahre dabei, kann sich die Anfangsinvestition lohnen und vielleicht nach zwei oder drei Jahren wirklich Geld für Naturschutz zur Verfügung stehen. Allerdings: Über einen längeren Zeitraum sollten deutlich über 75 Prozent aller eingeworbenen Spenden-Mittel dem angekündigten Zweck zugeführt werden.

Der Kontakt zu potenziellen Geldgebern wird nicht nur von Angesicht zu Angesicht gesucht. Anrufe bei Mitgliedern und Spendern mit der Bitte um einen neuen oder erhöhten Beitrag sind inzwischen ebenfalls gang und gäbe. So gratuliert die in Linz ansässige HSP-Service-Line als BUND telefonisch Mitgliedern des Umweltverbandes zu ihrer Mitgliedschaft - verbunden mit der Bitte, den Beitrag doch zu erhöhen. Und zwar egal, ob die Mitglieder um den Anruf gebeten, ihre Telefonnummer angegeben haben oder nicht. "Das ist sicher eine Grauzone, aber legal", findet Gundula Oertel, Fundraiserin beim BUND. "Mit der Methode erzielen wir wirklich gute Erfolge."

 

Richtig ist sicherlich, dass gerade die Umweltverbände moderne und effiziente Methoden brauchen, um Geld für ihre Arbeit zu akquirieren. Selbst die gut 100 Millionen, die sie pro Jahr zur Verfügung haben, sind wahrlich Peanuts im Vergleich zu den Mitteln der Industrie. Allerdings sollte sich Modernität nicht nur auf die Einwerbung, sondern auch auf die Verwaltung und Verwendung der Mittel beziehen. ÖKO-TEST wollte deshalb wissen, wie die Umwelt- und Naturschutzverbände mit Spenden und Mitgliedsbeiträgen umgehen.



Das Testergebnis



Nur acht von 19 gestesteten Vereinen und Organisationen erzielten ein "sehr gut" oder "gut", fünf schnitten mit "mangelhaft" bzw. "ungenügend" ab. Auch Deutschlands größter Umweltschutzverband, der BUND, ist - was die transparente Darstellung der Verwendung von Spendengeldern angeht - nur "mangelhaft". Das heißt: Nicht einmal ÖKO-TEST ist es gelungen herauszufinden, was mit dem Spendengeld letztendlich passiert. Bei den kritisierten Verbänden muss jedoch gar kein böser Wille im Spiel sein. Großorganisationen wie der BUND oder der NABU mit Landes- und Ortsverbänden wissen teilweise selbst nicht, was die Untergliederungen mit Geldern machen, die der Bundesverband zur Verfügung stellt.

Unser Test sagt nicht, ob die Arbeit und die Politik der untersuchten Organisationen gut oder schlecht, richtig oder falsch, effektiv oder ineffektiv ist. Auch die "mangelhaften" oder "ungenügenden" Vereine können eine gute Arbeit machen.

Die Darstellung der überwiegenden Tätigkeit der Organisation nach außen stimmt in einigen Fällen nicht mit der Gewichtung der Ausgaben überein. Das bedeutet: Diese Verbände und Vereine machen mit den Mitglieds- und Spendenbeiträgen etwas anderes, als sie potenziellen Spendern vermitteln. So fließen beim NABU weniger als die Hälfte, nämlich schlappe 42 Prozent in den direkten Naturschutz und die dazugehörige politische Öffentlichkeitsarbeit. Aus dem Haushalt des BUND landet sogar nur jeder dritte Euro bei Kampagnen und Projekten.
 

Durch kreative Buchführung und Bilanzierungstricks schaffen es viele Gruppen, die Zahlen zu verschleiern. So werden beispielsweise die Kosten für Spenden-Mailings großzügig als Umwelt- oder Presse- und Öffentlichkeitsarbeit deklariert. Dass dieses Vorgehen durchaus Methode hat, zeigt der Bericht des BUND-Schatzmeisters an die Delegiertenkonferenz 2001: "Ein Hoffnungsschimmer", heißt es da, sei die im kommenden Jahr startende Umweltlotterie. Dadurch gebe es erhebliche Mittel für Projekte. In diesen könne man Personal- und Sachkosten leichter unterbringen, da die Kriterien nicht so streng seien.

Insbesondere die großen Vereine und Verbände haben sich inzwischen parteiähnliche Strukturen zugelegt. Beim BUND haben die Aufwendungen für die ehrenamtliche Tätigkeit inzwischen mit über 700 000 Euro eine Größenordnung von über 15 Prozent der Netto-Spendeneinnahmen erreicht. Allein die ehrenamtliche Vorsitzende wird mit einer Aufwandsentschädigung von 30 000 Euro honoriert. Damit ist keineswegs das Ende der Begehrlichkeiten erreicht. Nach Einschätzung des BUND-Schatzmeisters Rudolph Haas ist "die Aufwandsentschädigung für den Vorsitz mit DM 60.000 nicht viel, aber ein Einstieg. Aufwandsentschädigungen für andere Vorstandsmitglieder sollte man langfristig diskutieren."

Die Verwaltungskosten schwanken stark zwischen kaum über einem und 23 Prozent. Diese von den Verbänden selbst errechneten Quoten liegen zwar alle unterhalb der akzeptablen Grenze von 25 Prozent. Nachvollziehbar hingegen sind diese Eigenangaben in den seltensten Fällen. Lediglich Greenpeace, Robin Wood, der Landesbund für Vogelschutz, die Deutsche Umwelthilfe, das Komitee gegen den Vogelmord und Rettet den Regenwald schlüsseln ihre Ein- und Ausgaben so weit auf, dass die Verwaltungskosten ablesbar sind.

Die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald sah sich außer Stande, die Deutsche Umweltstiftung hat sich geweigert, Zahlen oder Jahresberichte zur Verfügung zu stellen. Die Heinz-Sielmann-Stiftung konnte mangels abgeschlossener Prüfung keinen Jahresbericht für 2001 zur Verfügung stellen. Der VCD konnte mangels Vorliegen von Zahlen keine Berichte für die Jahre 2000 und 2001 präsentieren. Wegen mangelnder Transparenz bei der Verwendung von Spendengeldern gibt es ein "ungenügend".

Die Art der Spendeneinwerbung ist bei einigen Verbänden übertrieben aggressiv. So arbeiten BUND und NABU mit privaten Werbeagenturen. Das kann sich für die Organisationen zwar lohnen. Doch die meisten Spender dürften nicht wissen, dass solche "Drückerkolonnen" oft einen bis drei Jahresbeiträge als Provision bekommen.

Alle größeren Verbände und Stiftungen haben Erlöse oder Verluste aus wirtschaftlichen Tätigkeiten - zum Beispiel aus dem Verkauf von Lizenzen oder Anzeigeneinnahmen in Mitgliedsmagazinen. Doch kaum eine Organisation wies die Erlöse auch sauber aus. Von Greenpeace, über den BUND, bis zum NABU und dem WWF gibt es einen nicht quantifizierbaren Bereich der Schattenhaushalte, der sich vor allem in Bilanzen und Ergebnissen von Tochtergesellschaften versteckt.

Autor: Harry Assenmacher

©2003 by ÖKO-TEST Verlag GmbH, Frankfurt
 

 

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